Sonntag, 16. Mai 2010

Zitat des Tages: "Verhandelte Revolution"

Schon länger wird die Revolution, die 1989 den Osten Europas erfasste, umgangssprachlich gerne als "Wende" bezeichnet und ich hatte immer Probleme mit dem Begriff. Gleichzeitig schien der Begriff der "friedlichen Revolution" keineswegs die Ereignisse des Jahres 1989 wiederzugeben. Philipp Ther hat in der letzten Ausgabe der Zeithistorischen Forschung daher einen anderen Begriff geprägt, den von der "verhandelten Revolution". Nun hier der entscheidende Ausschnitt aus seinem Artikel.

"Die fehlende Gewalt hat in der wissenschaftlichen und der gesellschaftlichen Rezeption die Frage aufgeworfen, ob es sich bei 1989 überhaupt um eine Revolution handelte. Oft spricht man von einer „Wende“, in verschiedenen slawischen Sprachen vom „Wechsel“ (z.B. polnisch „zmiany“). Doch der populäre Sprachgebrauch kann kein Maßstab für die wissenschaftliche Betrachtung sein. Entscheidend für die Anwendung des Revolutionsbegriffs sind neben der unstrittigen Mobilisierung der Gesellschaft und den massenhaften Protesten im Herbst 1989 die tiefgreifenden Auswirkungen auf die folgende Epoche der europäischen Zeitgeschichte.



Man muss nur einen Blick auf die Landkarte Europas werfen, und schon offenbart sich der revolutionäre Charakter von 1989. Die Beseitigung der Teilung Deutschlands und Europas und damit der Nachkriegsordnung ist eine offensichtliche Folge. Um die bleibende Bedeutung von 1989 für die europäische Geschichte zu erfassen, muss man fast ein Jahrtausend zurückblicken. Erstmals seit dem Schisma von 1054 reicht ein politisch und auch in seinen Werten weitgehend vereintes Europa so weit nach Osten. In Rumänien spricht man von einem Europa vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer. So geographisch umfassend waren im Ereignis und seinen Auswirkungen weder die europäischen Revolutionen von 1789–1794, von 1848/49 noch die von 1917–1920. Außerdem reicht die ideelle Ausstrahlung der Revolution und des anschließenden Zugewinns an Freiheit und Wohlstand weit über die heutige EU hinaus. Die Ukraine wurde bereits erwähnt; die russische Regierung hatte lange Zeit große Sorge vor einem Übergreifen der Orangenen Revolution.


Die sozialen Auswirkungen von 1989 waren im Vergleich zu früheren Revolutionen weniger tiefgreifend, was in der Logik der Gewaltfreiheit liegt. Die alten Eliten wurden 1989 zwar politisch entmachtet, aber in der Wirtschaft gab es oft große personelle Kontinuität. Manche Kader der kommunistischen Parteien kehrten in den 1990er-Jahren auf die politische Bühne zurück. Dies hat dazu geführt, dass vor allem in Polen und Ungarn wiederholt versucht wurde, die Art und Weise des Machtwechsels von 1989 zu delegitimieren. Auch westliche Sozialwissenschaftler reagierten oft enttäuscht. Sie konstatierten eine konservative Revolution oder, wie Jacques Rupnik, sogar ein „Anti-1968“. Aber historisch betrachtet besteht kein Zweifel, dass in der Gewaltfreiheit die Innovation und das politische Vermächtnis des Jahres 1989 liegt. Es war – mit wenigen Ausnahmen wie in Rumänien – die erste verhandelte Revolution in der modernen Geschichte."


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